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03.01.2016 10:59

„Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen“ (Ez 34,16) Zum Geistlichen Leitwort 2016

Prof. Dr. Winfried Haunerland, Prior der Komturei Patrona Bavariae München

Ezechiel, der in Ez 1-24 als letzter vorexilischer Prophet das Gericht über Jerusalem und Juda ankündigen musste, hatte für die Menschen in der babylonischen Verbannung auch eine tröstliche Botschaft. Denn neben den Gerichtsworten über Jerusalem und Juda stehen auch in Ez 25-32 auch Worte, die Israels Nachbarvölkern Unheil androhen. Vor allem aber darf der Prophet – möglicherweise selbst zusammen mit den Verbannten im Exil – in Ez 33-48 Israel das Heil Gottes ansagen. Aus diesem dritten Teil des Buches Ezechiel stammt das Geistliche Leitwort der deutschen Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem für das Jahr 2016. Es gehört zu der großen Bildrede Ez 34,1-31, in der Gott selbst den schlechten Hirten Israels als der gute Hirt entgegengestellt wird.

Die Erfahrung: Die menschlichen Hirten versagen

Bei dieser Hirtenrede steht zwar das agrarische Bild vom Hirten und der Schafherde im Hintergrund, aber auch bei Ezechiel geht es bereits um die Führer des Volkes. Denn schon in alttestamentlicher Zeit war das Hirtenmotiv ein Bild für das Verhältnis des Königs zu seinem Volk. Ez 34 beginnt mit der Kritik an den schlechten Hirten und meint damit konkret die politischen und religiösen Führer, die Verantwortung dafür tragen, dass Israel sich von Gott abgewandt hat und in die Verbannung geführt wurde. Ihnen wirft Gott im Prophetenwort vor, dass sie sich nicht um die Herde, sondern nur um sich selbst gekümmert haben.

Das Urteil Gottes ist klar:

„Nun gehe ich gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe von ihnen zurück. Ich setze sie ab, sie sollen nicht mehr die Hirten meiner Herde sein. Die Hirten sollen nicht länger nur sich selbst weiden: Ich reiße meine Schafe aus ihrem Rachen, sie sollen nicht länger ihr Fraß sein.“ (Ez 34,10)

Auch wenn in diesem Text die Mächtigen des vorexilischen Israels gemeint sind, so ist doch offensichtlich, dass hier eine Grundgefahr menschlicher Hirten, Könige und Machthaber genannt ist. Die schlechten Hirten im Sinne der Hirtenrede Ez 34 werden zum Bild für alle Amtsträger in Staat, Gesellschaft und Kirche, ja für alle, die Macht haben und die dabei nicht auf die schauen, die ihnen anvertraut sind, sondern ihre eigenen Interessen durchsetzen. Schlechte Hirten sind alle, die keinen Blick haben für die Kleinen und Schwachen, für die Hilf- und Wehrlosen, für die Verlierer und Versager. 

Schlechte Hirten, so liegt es auf der Hand, hat es nicht nur in Israel vor der Verbannung in das babylonische Exil gegeben, sondern schlechte Hirten gibt es immer wieder und fast überall. Dass die vorrangige Selbstsorge der Mächtigen geradezu ein Kennzeichen irdischer Gesellschaften ist, davon geht ja auch Jesus aus, wenn er den Jüngern sagt:

„Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.“ (Mk 10,42; vgl. Mt 20,25)

Die Wende: Gott selbst wird Hirte sein

Damit aber deutet sich an, dass die eigentliche Lösung für die Herde nicht im innerweltlichen Herrschaftswechsel liegt. Es reicht nicht, bessere Hirten auszusuchen, die ihren Egoismus zügeln und ihre Macht wirklich als Dienst an den anderen, vor allem an den Schwachen und Unterdrückten verstehen. Eine wirkliche Wende – so sieht es jedenfalls der Prophet – besteht darin, dass die menschlichen Hirten durch Gott selbst ersetzt werden:

„Denn so spricht Gott, der Herr: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern.“ (Ez 34,11) 

Ganz konkret heißt das für ihn:

„Die verlorengegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirte sein und für sie sorgen, wie es recht ist.“ (Ez 34,16)

Das Leitwort „Ich will ihr Hirte sein und für sie sorgen“ ist der Kernsatz dieses Textes. Gott selbst steht für eine andere Herrschaft. Er selbst steht für das Herrschaftsmodell, das wirklich von der Sorge für die Anvertrauten ausgeht und nicht Herrschaft als Form der egoistischen Selbstverwirklichung, der persönlichen Bereicherung und der selbstherrlichen Machtausübung missbraucht.

So wird Ezechiels Rede eine Mahnrede für alle Mächtigen zu allen Zeiten, aber zugleich eine Trostrede für alle Ohnmächtigen und Unterdrückten, die zu Gott Zuflucht nehmen. Die Mächtigen der Erde werden nicht das letzte Wort behalten. Und das letzte Wohl der Menschen und ihr ewiges Heil werden durch die Machthaber und Gewaltherrscher nicht verhindert werden. Denn Gott selbst verbürgt sich als der Hirte, der für die Menschen sorgen wird.

Verführerisch war es offensichtlich schon für die Hörer des Ezechiel, das Problem nur bei den Führern des Volkes zu sehen. Umso wichtiger ist, dass Gott nicht nur an die Stellte der schlechten Hirten tritt, sondern als Hirte auch das Verhalten der Schafe zueinander korrigieren wird: 

„Ihr aber, meine Herde - so spricht Gott, der Herr –, ich sorge für Recht zwischen Schafen und Schafen, zwischen Widdern und Böcken.“ (Ez 34,17)

Und dann heißt es weiter: „Darum - so spricht Gott, der Herr, zu euch: Ich selbst sorge für Recht zwischen den fetten und den mageren Schafen.“ (Ez 34,20)

In der Tat: „Gottes Recht ist … nicht schon dadurch hergestellt, daß die ungerechten Hirten beseitigt sind, sondern Gottes Recht muß sich in der Herde, dem Volk Gottes, durchsetzen.“ (Heinrich Kochem: Weizenkorn A 8. 1984, 39).

Wenn Gott unser Hirt sein und für uns sorgen will, dann führt dies zu einer grundlegenden Relativierung menschlicher Herrschaft. Davon sind nicht nur die öffentlichen Machthaber, die Amtsträger in Staat, Gesellschaft und Kirche betroffen. Auch die subtilen Ausübungen von Macht, die Unterdrückungsmechanismen, die innerhalb der großen und kleinen Gemeinschaften existieren, finden bei Gott Korrektur.

Unser Glaube: Jesus ist als der gute Hirt gekommen.

Das Neue Testament und die christliche Verkündigung haben in Jesus Christus den guten Hirten identifiziert, von dem Ezechiel spricht. Jesus bezeichnet sich selbst als den guten Hirten (vgl. Joh 10,11-16) und erscheint damit als der Heilbringer, der die menschlichen Hirten ersetzt und die innerweltlichen Unterdrückungen einem Ende zuführen wird.

Allerdings: Auch 2000 Jahre nach seiner Ankunft kennt unsere Welt schlechte Herrscher und große und kleine Despoten. Selbst innerhalb der Jüngerschaft Jesu, der Kirche, sind Machtmissbrauch und Ausbeutung nicht überwunden. Hat Ezechiel also zu viel versprochen oder ist Jesus doch nicht der gute Hirt, auf den wir gewartet haben?

Ohne Zweifel gehören die bleibenden Missstände in dieser Welt zu den berechtigten jüdischen Anfragen an unser Bekenntnis, dass Jesus der Messias ist. Unsere christliche Antwort kann nicht leugnen, dass in der Ankunft Jesu und auch nach seinem Tod und seiner Auferstehung die große Heilsvision des Propheten nicht einfach erfüllt ist. Aber wir glauben, dass in Jesus Christus die neue Wirklichkeit Gottes ein für alle Mal angebrochen ist. Wir glauben, dass in seiner Person Gott die Vollendung seines Heiles endgültig begonnen hat und nicht mehr zurücknehmen wird.

Aus dieser gläubigen Gewissheit heraus kann die Verheißung des Propheten Ezechiel zu einer aufmerksamen Gelassenheit und einer hoffnungsvollen Aktivität führen: Wir kennen die Zusage Gottes und können uns darauf verlassen, dass wir das Heil nicht schaffen müssen. Weil wir das Ziel Gottes für uns und die Welt kennen, haben wir aber auch einen verlässlichen Wegweiser für unser Handeln. Wo immer wir Gottes Hirtensorge für die anderen zum Maßstab unseres Handelns machen, da erweisen wir uns als Mitarbeiter Gottes. Wo immer unser Handeln dem Wohl und Heil der anderen dient, da ist unser Tun nicht vergeblich, sondern wird zum lebendigen Zeichen dafür, dass sich am Ende nicht menschliches Machtstreben, sondern Gottes Hirtensorge durchsetzen wird.

Für uns als Ritter und Damen des Ordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem konkretisiert sich dieser Glaube an die Hirtensorge Gottes in unserem Einsatz für die Christen im Heiligen Land. Dieses Vertrauen wird aber auch dort fruchtbar, wo wir der menschlichen Versuchung widerstehen, Ämter und Aufgaben zur Selbstbestätigung zu missbrauchen oder andere für eigennützige Ziele einzuspannen. Denn wenn wir darauf vertrauen, dass Gott selbst unser Hirte ist und für uns sorgen will, dann können wir die ängstliche Sorge überwinden, selbst zu kurz zu kommen und nicht genug zu haben. Aus diesem Glauben kann eine große Freiheit erwachsen.

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