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09.06.2016 12:30

Predigt im Pontifikalamt von Bischof Genn aus Anlass der Frühjahrsinvestitur am 22. Mai 2016 im Hohen Dom zu Münster

Lesungen: Spr 8, 22-31;

Röm 5, 1-5

Joh 16, 12-15.

Verehrte, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

„mit der Lehre von der Dreifaltigkeit - ihrer wörtlichen Bedeutung nach - lässt sich praktisch nichts anfangen.“ Dieses Wort des großen deutschen Philosophen Immanuel Kant ist sicherlich, liebe Schwestern und Brüder, für die allermeisten einsichtig, ja, ich möchte sagen, vielleicht einsichtiger als das Festtagsgeheimnis, das die Kirche heute feiert. Dass man mit der Lehre von der Dreifaltigkeit praktisch nichts anfangen kann, führt immer wieder dazu, an diesem Tag in besonderer Weise herauszustellen, dass Gott unbegreiflich und groß, nicht auf den Begriff zu bringen ist. Man spricht von einem Ideenfest, das sich an den Festkreis von Weihnachten und Ostern anhängt, damit auch dieses Bekenntnis noch zur Sprache kommt. Aber ist Gott, ist die Wirklichkeit, die sich in den Geheimnissen von Weihnachten und Ostern zeigt, eine Idee? Dann hätte Kant wahrscheinlich Recht. 

Im Gespräch mit den Menschen, die uns in diesen Wochen und Monaten in großer Zahl begegnen und die anderen Glaubens sind: Muslime, Jesiden, aber auch die Schwestern und Brüder aus dem Judentum, fordern uns heraus, wie wir Gott bekennen und anbeten können, ohne der Vielgötterei zu verfallen, als ob wir damit einem Pluralismus in Gott Gestalt geben und die Lehre des einen Gottes, den Monotheismus, verlassen. 

Was ist es um das Geheimnis des Dreieinigen Gottes? So einfach werden wir das in unseren Gesprächen nicht immer auf den Punkt bringen können. Wir werden uns vielleicht damit behelfen, dass hier in besonderer Weise das Geheimnis Gottes zur Sprache komme, und dass das nicht so zu begreifen ist. Aber was ist schon zu begreifen? Ist die Liebe zu begreifen? 

Papst Franziskus hat neulich auf die Frage von Kindern: „Was hat Gott eigentlich vor der Erschaffung der Welt gemacht?“ die schlichte Antwort gegeben: „Er hat geliebt“. Er hat geliebt. Aber können wir das fassen, was es um dieses Geheimnis ist? Zumindest bekommen wir aus unserer menschlichen Erfahrung einen gewissen Zugang zu diesem Wort. Hier möchte ich, liebe Schwestern und Brüder, Sie einladen, dabei anzusetzen und aus der Alltagserfahrung heraus auf das, was die Kirche heute bekennt und in den Schriften, die uns vorgetragen werden, zu schauen. 

Oft genug werden Sie selbst den Satz gesagt haben, oder wenn Sie es nicht selbst getan haben, von anderen gehört: „Ich verstehe mich nicht mehr. Ich weiß nicht, was mit mir los ist.“ Es kann noch stärker und schärfer formuliert werden, wenn ein anderer mir sagt: „Dich verstehe ich überhaupt nicht mehr“. Schöner ist es umgekehrt. Wenn wir durch die Beziehung zu einem anderen Menschen noch tiefer erfahren können, wer wir selber sind. Und: Im Weg einer Beziehung die tiefe Erfahrung machen können, dass wir den anderen in seinem Geheimnis überhaupt nicht ausschöpfen, dass uns immer wieder im Laufe des Weges einer solchen Beziehung Aspekte, Dimensionen aufgehen, die wir so gar nicht gekannt, vielleicht sogar nicht einmal vermutet haben. Die Liebe ist also ein guter Schlüssel zur tieferen Erkenntnis einer Person, eines Menschen. Und im Gegenüber von „Du“ und „Ich“ hilft sie, mich selber noch tiefer verstehen zu können. 

Das Bekenntnis zum Dreieinigen Gott, liebe Schwestern und Brüder, hat seinen Ursprung in der Begegnung von Menschen mit der Gestalt Jesu von Nazareth. In dieser Begegnung, die sich zu einer Gemeinschaft entfaltet hat, haben Frauen und Männer im Laufe der Jahre, in denen sie mit Ihm gegangen sind, immer tiefer erkennen können, was es um diesen Jesus ist. Und doch blieb Er ihnen verschlossen, erst recht in der Stunde des Karfreitags, in der Stunde des Todes. Sie selber durften spüren, wie viel Er ihnen zutraut und zumutet, und wie Er sozusagen an die eigenen innersten Quellen rührt, die sie selber so gar nicht bei sich kannten, bis hin zu den dunklen Seiten, dass Petrus den Mund zu voll nahm und der Herr ihn etwas eindämpfte, um ihn hinzuweisen, dass er sehr schwach werden kann, was er sich selber so unmittelbar gar nicht zugetraut hätte, auf jeden Fall nicht in den Blick nehmen wollte. Und dann kommt die Stunde der Erfahrung des Auferstandenen. Da geht ihnen auf, was es um Ihn ist. Er hatte ja einmal zu ihnen gesagt: „Ich hätte Euch noch vieles zu sagen. Aber jetzt ist noch nicht die Stunde. Ihr könntet es gar nicht ertragen. Aber ihr werdet es erkennen. Denn das, was ich in meinem irdischen Leben und Wirken getan habe, und wo ich versucht habe, Gott ansichtig zu machen, offenzulegen, nicht als eine Idee, sondern als eine Person, die sich mitteilt in mir, die zeigt, dass Gott unendlich liebt und wie ein Vater für uns sorgt, das werdet ihr durch den Geist erkennen, den ich euch schenke“ (vgl. Joh 16).

Die Augenblicke Seines Lebens waren ja nur punktuelle Ereignisse in kurzen Lebensjahren. Um das, was in ihnen steckt, fruchtbar werden zu lassen, schenkt Er ihnen jetzt Seinen Geist, wenn sie in der Liebe mit Ihm verbunden bleiben. Damit wird das, was in einem kurzen Abschnitt Seines irdischen Lebens sich auf eine bestimmte Gruppe in einem bestimmten Raum beschränkte, für alle, die Ihn lieben, für alle Menschen erfahrbar. So wird dieser Geist Seinen Jüngern nichts anderes kundtun, als was Er selber gesagt hat. Er wird es aufschließen, vertiefen, entschlüsseln, denn Er nimmt nur von dem, was Jesu ist, und teilt es uns mit. So ist der Glaube entstanden, dass Gott nicht einfach eine Monade ist, sondern in sich eine unglaublich großartige Beziehung, Gemeinschaft, in der es möglich ist, Differenz auszuhalten, ohne dass sie zu Spannungen und Bruch führen muss, und in der zugleich in dieser Differenz Einheit möglich ist, die nicht den anderen verschlingt und zudeckt, sondern sein lässt. Ist das nicht etwa praktisch, liebe Schwestern und Brüder?

Wenn der heilige Papst Johannes Paul in seinem Brief an die Familien vor ca. 20 Jahren die Familie als Bild für das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes geschildert hat und ebenso Papst Franziskus in seinem neuesten Schreiben „Amoris laetitia“ das aufgreift, dann sehen wir noch einmal, wie praktisch das ist. Denn: Wie sehr führen bei uns Differenzen zu Spannungen und Brüchen, und wie sehr kann das Bemühen eins sein, den anderen verschlingen und nicht mehr ihn selber sein zu lassen! 

Liebe Schwestern und Brüder, wir dürfen durch Jesus in das Innerste Gottes schauen, in die ganze Wahrheit. Es gibt keine Wahrheit, die noch jenseits dessen ist, was Er uns verkündet hat. Aber Er führt uns, es immer tiefer zu erkennen in Ewigkeit - unausschöpflich. In dieser Zeit in unserem irdischen Leben können wir immer wieder ahnungsweise, wenn wir uns in der Liebe mit Ihm verbinden, daran bereits Anteil erhalten. Dazu gibt Er uns ganz praktische Möglichkeiten, indem Er uns Sein Wort schenkt, mit dem wir umgehen können, das wir auskosten können. Er lässt dieses Wort ganz dicht werden, indem es uns zur Speise wird in Brot und Wein, real in unserer Mitte, tagaus, tagein. Dann spüren wir, dass schon das Buch der Sprichwörter etwas von diesem Geheimnis der Liebe geahnt hat: „Es ist meine Freude, bei den Menschen zu sein“ (vgl. Spr 8, 31). Ist das nicht auch praktisch? Können uns die Menschen nicht manchmal „auf den Wecker gehen“ - ärgerlich werden? Es ist Seine Freude, bei den Menschen zu sein, auch wenn sie Ihm den Rücken kehren, geht Er nach, weil Er in Seiner Barmherzigkeit Seine Liebe gerade in dieser Welt immer wieder neu entfaltet. Ja, wer mit Ihm in Beziehung steht, kann erfahren, was der Apostel Paulus sagt: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5, 5). Er ist nicht nur eine Idee. Er ist der Gott mit uns und in uns, so dass wir sogar fähig werden, in der Bedrängnis nicht verzagen zu müssen, sondern Hoffnung zu entwickeln, weil wir Ihm trauen, dass Er, der ins Grab und in die Bedrängnis des Todes gegangen ist, auch uns dort noch Seine Gemeinschaft zuteilwerden lässt. 

Am schönsten finde ich, liebe Schwestern und Brüder, das Geheimnis des Dreieinigen Gottes entfaltet in einer bekannten russischen Ikone, die das Gastmahl der drei Männer bei Abraham darstellt. Drei sitzen an einem Tisch, sie sind einander zugeneigt. Der christliche Maler hat in ihnen die Gestalten von Vater, Sohn und Geist gesehen. Aber der Tisch öffnet sich nach vorne zum Betrachter und Beter hin: Wir gehören dazu. Es ist Seine Freude, mit uns Seine Gemeinschaft zu teilen. Dass wir das jetzt tun dürfen, in dieser Eucharistie, lässt uns an einem solchen Hochfest erst recht mit vollem Herzen sagen: „Lasset uns danken, dem Herrn unserem Gott. Das ist wahrhaftig würdig und recht.“

Amen.

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